Das Hobellied

Da streiten sich die Leut herum
oft um den Wert des Glücks,
der eine heißt den andern dumm,
am End weiß keiner nix.
Da ist der allerärmste Mann,
dem andern viel zu reich:
Das Schicksal setzt den Hobel an
und hobelt beide gleich.

Die Jugend will halt stets mit G'walt
in allem glücklich sein;
doch wird man nur ein bisserl alt,
da find't man sich schon drein.
Oft zankt mein Weib mit mir, o Graus,
das bringt mich nicht in Wut;
da klopf' ich meinen Hobel aus
und denk': du brummst mir gut!

Zeigt sich der Tod einst mit Verlaub
und zupft mich: »Brüderl, kumm!«,
da stell' ich mich im Anfang taub
und schau' mich gar nicht um.
Doch sagt er: »Lieber Valentin,
mach keine Umständ', geh!«,
da leg' ich meinen Hobel hin
und sag' der Welt ade.

Ferdinand Raimund
(1790-1836)
 
 

Back to Index of German Poems


German Cultural Society
3652 South Jefferson Avenue
St. Louis, Missouri 63118
(314) 771-8368

Back to the DKV homepage