Gesang der Geister über den Wassern
        Des Menschen Seele
        gleicht dem Wasser:
        Vom Himmel kommt es,
        zum Himmel steigt es,
        und wieder nieder
        zur Erde muß es.
        Ewig wechselnd.

        Strömt von der hohen,
        steilen Felswand
        der reine Strahl,
        dann stäubt er lieblich
        in Wolkenwellen
        zum glatten Fels,
        und leicht empfangen
        wallt er verschleiernd,
        leisrauschend
        zur Tiefe nieder.

        Ragen Klippen
        dem Sturz entgegen,
        schäumt er unmutig
        stufenweise
        zum Abgrund.

        Im flachen Bette
        schleicht er das Wiesental hin,
        und in dem glatten See
        weiden ihr Antlitz
        alle Gestirne.

        Wind ist der Welle
        lieblicher Buhler;
        Wind mischt vom Grund aus
        schäumende Wogen.

        Seele des Menschen,
        wie gleichst du dem Wasser!
        Schicksal des Menschen,
        wie gleichst du dem Wind!

Johann Wolfgang von Goethe
(1749-1832 )

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